Beim
Wählen geht es nicht um Reife."
Martin Wilke
im Interview: Warum es beim Wahlrecht keine
Altersgrenze geben darf
WAHLZEIT!:
Eine Deiner Hauptforderungen ist das Wahlrecht für
Kinder. Glaubst Du, daß das wirklich wichtig ist?
Martin Wilke: Kinder und
Jugendliche machen fast 20 Prozent der Bevölkerung
aus. Ihre Interessen werden in der Politik aber
vollkommen unzureichend berücksichtigt. Und daran
wird sich wohl auch nichts ändern, solange sie keine
Wahlstimme haben.
In einer Demokratie muß
grundsätzlich gelten, daß alle, die von
Entscheidungen betroffen sind, sich am Zustandekommen
dieser Entscheidungen beteiligen können. Und das
geschieht hierzulande nun mal durch Wählen.
Der Anspruch einer
parlamentarischen Demokratie ist doch, die Interessen
der Bevölkerung so genau wie möglich im Parlament
widerzuspiegeln. Wenn dann junge Menschen dieses
Parlament nicht mitwählen dürfen, kann man diesem
Anspruch aber nicht gerecht werden.
Das Wahlrecht für Kinder ist also
genauso wichtig wie das Wahlrecht jeder anderen
Bevölkerungsgruppe.
Wollen Kinder denn überhaupt
wählen?
Darum geht es nicht. Frauen wollten
mehrheitlich auch nicht wählen, als das
Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Hätte man es
deshalb lassen sollen? Wahlrecht heißt ja nur, daß
man am Wählen nicht gehindert werden darf. Niemand
wird zur Wahl gezwungen.
Die Eltern könnten ihre
Kinder zwingen.
Das wäre eine Straftat. Eltern,
die so etwas vorhaben, sollten sich vorher § 108
StGB durchlesen.
Kinder würden doch
beeinflußt werden.
Das stimmt. Alle Menschen
beeinflussen sich ständig. Auch Eheleute
beeinflussen sich gegenseitig. Eltern beeinflussen
Großeltern, Kinder beeinflussen ihre Eltern, Kinder
beeinflussen andere Kinder, werden dabei selber
beeinflußt, usw. Beeinflussung findet bei jeder
Kommunikation statt und ist also gar nichts
Schlimmes. Würden Menschen sich nicht beeinflussen
lassen, bräuchte man auch nur einmal im Leben
Wählen zu gehen. Der ganze Wahlkampf wäre umsonst
und Werbung sowieso. Niemand würde je mehr seine
Meinung ändern.
Ob jemand letztendlich überzeugt
oder nur überredet wurde, läßt sich weder bei
Kindern noch bei Erwachsenen feststellen.
Es ist jedenfalls immer noch
besser, wenn Kinder von sich aus das gleiche wie ihre
Eltern wählen, als wenn die Eltern pro Kind noch
eine Stimme dazukriegen.
Sind Kinder eigentlich reif
genug zum Wählen?
Es geht beim Wählen nicht um
Reife. Im Prinzip ist Wählen etwas ganz Primitives.
Man kann sich selbst nach ausführlicher
Diskussion nicht einigen, also wird einfach
das gemacht, womit die Mehrheit zufrieden ist. Daß
keiner alle relevanten Fakten oder Argumente kennt,
wird dabei ganz bewußt in Kauf genommen. Es gibt
keine Instanz, die über die Qualität der Argumente
entscheiden könnte, außer dem jeweils einzelnen
Menschen. Es gilt einfach: Ein Mensch eine
Stimme.
Wenn Reife aber wie wollte
man die definieren und überprüfen eine
Bedingung für das Wahlrecht wäre, dann müßte man
es vielen Erwachsenen wieder wegnehmen und es vielen
jungen Menschen trotzdem geben.
Es geht also nicht um Reife. Und
deshalb gibt es auch keinen Grund, Kinder und
Jugendliche von der Wahl auszuschließen.
Kinder haben aber weniger
Pflichten als Erwachsene. Kann man ihnen da das
Wahlrecht geben?
Ja, natürlich. Das Wahlrecht ist
doch nicht die Belohnung für die Erfüllung
irgendwelcher Pflichten. Das Wahlrecht ist ein
demokratisches Menschenrecht. Und Menschenrechte sind
grundsätzlich unabhängig von Pflichten.
Was hältst Du von
Kinderparlamenten?
Kinderparlamente haben nichts mit
echter Mitbestimmung zu tun. Sie können das
Wahlrecht für Kinder genau so wenig ersetzen, wie
Bürgerinitiativen das Erwachsenenwahlrecht ersetzen
könnten.
Manche Leute befürchten,
daß Jugendliche zu radikal wählen würden.
Jeder Erwachsene darf so radikal
wählen, wie er will. Wenn auch Kinder und
Jugendliche eine Wahlstimme haben, werden aber nicht
nur radikale, sondern alle Parteien überzeugende
Angebote für junge Menschen machen müssen.
Letztendlich muß man aber jede
Wahlentscheidung akzeptieren. Es ist schlicht
undemokratisch zu fragen: Na, wen lassen wir
denn wählen, damit ein schönes Ergebnis
rauskommt?"
Du sagst ja, es soll gar
keine Altersgrenze geben. Sollen auch Babies wählen?
Einige Leute schlagen das Wahlrecht
ab 7 vor. Aber was ist, wenn dann auch nur ein
6jähriger kommt, der auch mitwählen will? Warum
muß man den denn ausschließen? Und Babies werden
nicht auf die Idee kommen zu wählen. Die
Unfähigkeit eines Menschen, zur Wahl zu gehen, ist
aber kein Grund, ihm auch noch das Recht dazu
wegzunehmen. Denkbar wäre, daß man, wenn man das
erste Mal wählen will, dies dem Wahlamt mitteilt.
Es geht einfach darum, daß das
Alter kein Kriterium mehr ist, darum, daß alle
Menschen egal wie alt sie sind ,
gleichberechtigt sind.
Danke für das Interview.
zurück zur
Wahlzeit-Startseite